Tipps zum Lesen lernen
Ein Interview mit Susanne Stadlmayr
Gemeinsam mit Mag. Susanne Stadlmayr, diplomierter Lese- und Lerncoach, hat die Initiative Zeit Punkt Lesen – Leseland Niederösterreich Tipps für Eltern erarbeitet, die ihre Kinder beim Lesen-Lernen unterstützen und auf den Unterricht vorbereiten wollen.
In einigen Wochen beginnt für viele Kinder ein neuer Lebensabschnitt, die Schule. Wie können Eltern ihre Kinder in Sachen Lesen auf den Schulbeginn vorbereiten?
- Stadlmayr: Alle Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für das relevant sind lesen zu lernen, entwickeln sich nicht erst in der Schule, sondern schon im Kleinkindstadium. Wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern im familiären Alltag eine anregende sprachliche Umgebung schaffen, in der die so genannten Vorläuferfertigkeiten, die ausschlaggebend für den erfolgreichen Leseprozess sind, trainiert werden.
„Ene mene muh …“ ist keineswegs nur ein infantiler Abzählreim, sondern ein Instrument in der sprachlichen Frühförderung. Ebenso wie Sing- und Klatschspiele, Reime, Lieder und Gedichte, die den Kindern lustbetont ein Gefühl für den Rhythmus und die Lautvariationen unserer Sprache vermitteln.
Besonders das Vorlesen vermittelt Freude und Neugierde an der Sprache und bildet das Fundament für das Lesen.
Viele Kinder freuen sich auf’s Lesen-Lernen. Sollen Eltern schon vor Schulbeginn mit ihren Kindern lernen zu lesen? Was ist da förderlich, und was überfordert die Kleinen?
- Nicht wenige Kinder können schon vor der Einschulung ein bisschen lesen. Diese frühe Schriftkenntnis ist für die Kinder ein Vorteil und verschafft ihnen einen ersten Einblick in die Welt der Schriftsymbole. Es geht nicht um die Menge der Buchstaben, die ein Kind vor dem ersten Schultag kennt. Entscheidend ist, dass das Kind das Prinzip des alphabetischen Systems versteht, insofern, dass es durchblickt, dass zwischen den jeweiligen Buchstaben und den Lauten ein Zusammenhang besteht.
Förderlich ist, wenn die Kinder vor der Einschulung bereits ein paar Buchstaben sicher erkennen, z.B. die Buchstaben ihres Vornamens. Ein bloßes Auswendiglernen der Buchstaben könnte den Kindern sogar frühzeitig den Spaß am Entdecken der Schriftsprache rauben.
Ohne Druck und mit Freude sind die Schlüssel zum Lesen-lernen!
Was soll ich mit meinen Kindern lesen?
- Der Auswahl der Lektüre sind keine Grenzen gesetzt. Jeder Text, der Emotionen und Aufmerksamkeit in den Kindern weckt, unterstützt die Bemühungen des Kindes, das Decodieren von Wörtern zu lernen und die schwierige Aufgabe des Lesens zu bewältigen. Sowie die Kinder die Technik des Lesens beherrschen, geht es um die emotionale Komponente, die durch das gedruckte Wort bedient wird. Jeder Lesestoff, der dem Kind das Gefühl gibt, neue Welten zu erschließen, ist per se ein guter Stoff.
Überlasse die Auswahl der Lektüre also am besten den Kindern, etwa bei einem gemeinsamen Bibliotheksbesuch oder beim Stöbern in einer Buchhandlung, - die Kinder wissen am besten, was sie gerade brauchen.
So manche Erwachsene meinen: Kindern das Lesen beizubringen, ist Aufgabe der Schule. Warum ist familiäre Leseförderung wichtig?
- Kinder, deren Interesse am Lesen bereits zu Hause geweckt wurde, haben in der Regel keine Schwierigkeiten beim Lesen-Lernen. Sie haben die Faszination und die Freude am Lesen früh erfahren, indem man ihnen vorgelesen, gemeinsam Bilderbücher betrachtet, Geschichten erfunden, erzählt und nacherzählt hat.
Die Liebe zum Lesen entfacht, wenn Kinder einen emotionalen Zugang zur Welt der Bücher finden und der gelingt am besten im familiären Umfeld.
Das, was Eltern also schon vorzeitig für die Leseförderung ihrer Kinder tun können, ist von unschätzbarem Wert für die gesamte Leselaufbahn der Kinder. Keine Schule der Welt kann es mit der familiären Leseförderung aufnehmen.
Eines kann die Institution Schule nicht leisten: Die Lesepraxis des Einzelnen. Die kann und muss ein Kind außerhalb der Schule sammeln.
Tipp: Täglich 5-10 Minuten lesen üben. Es kommt dabei nicht auf die Menge an.
Wenn Kinder partout nicht lesen wollen, wie sollen Eltern am besten reagieren?
- Zunächst sollten organische Ursachen einer Lesebeeinträchtigung durch die entsprechenden FachärztInnen ausgeschlossen werden.
Vielleicht liegt eine Fehlsichtigkeit vor oder Ihr Kind hat eine beeinträchtigte Merkfähigkeit, weshalb ihm die Buchstaben-Laut-Zuordnung nicht gelingt. Es gibt eine Vielzahl von organisch bedingten Ursachen, die in einer vermeintlichen Leseverweigerung resultieren.
Danach müssen wir zwei Fragen nachgehen: „Wie tut sich das Kind beim Lesen und was fühlt es dabei?“
Lesen sollte auf gar keinen Fall ein mechanischer Entschlüsselungsprozess sein. Erst wenn Kinder anfangen, persönlich auf den Inhalt eines Textes zu reagieren und aktiv am Leseerlebnis beteiligt sind, macht Lesen auch Spaß.
Biete den Kindern alternative Leseangebote abseits vom Schulstoff. Angefangen vom Sachbuch über Vampirismus bis hin zum Superhelden-Comic.
Richte eine gemeinsame Lesezeit ein: Lese Dialoge oder Textpassagen abwechselnd und mit verstellter Stimme.
HabeVertrauen, dass sich deine Kinder von der einen oder anderen Lektüre oder unterhaltsamen Leseformen persönlich angesprochen fühlen. Dann fängt Lesen eigentlich erst an.
Wie sollten Eltern bei Kindern im Vorschulalter bzw. im frühen Volksschulalter mit dem Thema Fernsehen, Internet und Computerspiele umgehen? Wie sehr helfen oder schaden diese Medien um lesen zu lernen?
- Wichtig ist, dass der Bildschirm keine Vormachtstellung im Familienalltag einnimmt.
Trotzdem müssen Vor- und Volksschulkinder nicht ganz auf den Konsum von elektronischen Medien verzichten. Eine kurze abgeschlossene Serie oder eine Sequenz Computerspielen dürfen schon mal sein, schließlich wollen die Kinder ja auch „mitreden“. Ein Tipp noch: Besorge deinen Kindern auch gleich das passende Buch zur Lieblingsserie.
Kinder lernen und entwickeln sich, indem sie eigene Erfahrungen sammeln und in Beziehung zu sich selbst und ihrer Umwelt setzen. Bildschirme und Co gefährden dieses Modell der aktiven „Weltaneignung“ und sind daher mit Vorsicht zu genießen - zumal sich neurowissenschaftlich auch zeigt, dass ein übermäßiger Fernsehkonsum schädlich auf die Sprach-, Lese- und Konzentrationsfähigkeit von Kindern wirkt.
Was sind zusammengefasst Ihre drei wichtigsten Botschaften an Eltern für das Lesen-Lernen ihrer Kinder?
-Lesen ist ansteckend:
Nichts ist für Kinder so interessant wie das Verborgene der Erwachsenen. Der Akt des Lesens ist unablässig mit der Erwachsenwelt verbunden. Ergo: Lädt er zur Nachahmung ein.
Wenn Eltern lesen, lesen die Kinder früher oder später auch.
[Disclaimer]







Kommentare
Super Artikel Danke!
Interessanter Artikel, bin einmal gespannt wie das bei uns so wird, und wie sich mein Kind tut mit dem Lesen lernen, vorgelesen bekam es immer genug, nur im Moment will er das grad so gar nicht :-((
Meine Tochter kommt auch jetzt in die Schule, sie ist es gewohnt das man ihr jeden Tag vor dem Schlafen gehen vorliest. Sie freut sich schon sehr das sie jetzt selber lesen lernt.
Sehr anregende Punkte, Danke!
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