Das Leben ist ein Kinderspiel

Der Sinn des Unsinns.

Wenn am Abend bei der Tierdoku Wolfbabys miteinander rangeln, entlockt das der ganzen auf der Couch versammelten Familie ein entzücktes „Lieb!“. Der Spieltrieb ist natürlich angeboren und bereitet die kleinen Racker auf das Leben vor. Die an einem Tisch miteinander spielende Familie stärkt ihren Zusammenhalt und schärft das Verständnis für Regeln des friedlichen Zusammenlebens.
Wenn ein Kind die Enttäuschung über einen missglückten Zug nicht mehr verbergen kann, ist das zwar weniger lieb anzusehen als die balgenden Wolfwelpen, doch die Erfahrung, Frustrierendes zu verarbeiten, ist genauso eine Vorbereitung für das Leben.

Die geflügelten Worte „Brot und Spiele“ sind nicht nur Ausdruck einer Gesellschaft, die durch Spektakel von den wahren Problemen abgelenkt wird. Die Redewendung umschreibt auch sehr gut, dass es dem Mensch nicht reicht, alleine die physischen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wenn Hunger und Durst gestillt sind, brauchen wir Menschen auch geistige Beschäftigung und Zerstreuung. Für die gesunde Entwicklung von Kindern ist Spielen mehr als bloße Nebensache.


Hauptsache Spielen!

Kinder spielen aus Instinkt. Schon mit wenigen Wochen beginnt ein Baby mit freiem Spiel. Es nimmt seinen eigenen Körper und seine Umwelt wahr. Aus reflexartigem Greifen werden bewusst gesetzte Bewegungen. Es verarbeitet Sinnesreize, lernt sich als verantwortlich für sein eigenes Tun zu verstehen und erforscht seine Welt mit unglaublicher Konzentration. Dazu nützen Babys alle ihre Sinne.

Wenn ein Baby die Phase durchlebt, in der es alles, was in Reichweite liegt, auf den Boden schmeißt, ist das nicht nur lästig für die Person, die die Dinge wieder aufhebt, bevor sie wieder am Boden landen. Das Baby spielt und lernt dabei. Wie hört sich der Gegenstand an, wenn er herunterfällt? Wo ist das Ding hin? Und was macht die Mama?
Auch Kästen ausräumen, Laden auf- und zumachen und Knöpfe drücken sind beliebte Spiele. Kleinkinder imitieren die Handlungen von Erwachsenen und erforschen auf eigene Faust, wie ihre unmittelbare Umwelt funktioniert.


Auseinandersetzung mit dem Ich

Kinder erwerben spielerisch wichtige Kompetenzen. Im Spiel entwickeln sich Motorik, emotionale und soziale Fähigkeiten, Kognition und Kreativität. Spielen bedeutet Lernen.

Das gilt nicht nur für die ersten Lebensjahre. Nachdem Kinder die Funktionen ihres eigenen Körpers und die der Dinge in ihrer Umwelt begreifen, beginnen die sogenannten „Symbolspiele“. Die kindliche Vorstellungskraft lässt die an das Ohr gehaltene Puppe zum Telefon werden, der sprechende Teddy wird zum Freund. Kinder, die eine Vorstellung vom eigenen Ich haben, lernen nun sich in fremde Rollen hineinzuversetzen. Im Spiel, im Ausprobieren und beim Schlüpfen in andere Rollen erschließt sich ein breites Spektrum an Denkmöglichkeiten. Spielen ist die Lust am Gedanken.

Beim Spielen erschaffen wir eine Fantasiewelt. Wir tun so als ob und können in geschützter Umgebung verschiedene Handlungsweisen und Verhaltensmöglichkeiten ausprobieren.


Spielerischer Ernst oder ernsthafte Spielerei?

Wer meint, Spiel sei das genaue Gegenteil von Ernst, Arbeit und Realität, irrt. Spielen ist eine durchaus ernstzunehmende Angelegenheit. Wenn Kinder spielen, setzen sie sich sehr ernst, entschlossen und vertieft in die Sache mit der Wirklichkeit auseinander. Spielen macht Spaß und schult gleichzeitig für das Leben. Egal ob du Fußballfans bei einem Match oder Kinder beim Spielen beobachtest, bemerkst du, wie ernst es ihnen ist. Ohne den nötigen Ernst macht ein Spiel einfach keinen Spaß.


Raum und Zeit, Anleitung und Begleitung

Kinder brauchen ein sicheres Umfeld, in dem sie gefahrlos spielen können. Sie benötigen Zeit und auch hin und wieder Langeweile, um eigene Spiele zu entwickeln.
Damit sich Kinder in allen Bereichen spielerisch entfalten können, sind SpielpartnerInnen wichtig. Während sich Babys mit wenigen Monaten ganz sich selbst genügen, spielen Kleinkinder erst neben- und dann miteinander.

Es reicht nicht, Kinder einfach immer nur frei spielen zu lassen, sie brauchen Anleitung und Begleitung. Erwachsene SpielpartnerInnen können neue Spielformen einbringen, Kompliziertes vorzeigen, zu Neuem motivieren und sich von der Neugier und Lebensfreude der Kinder anstecken lassen.

Zum Spielen ist man nämlich nie zu alt.


von Katrin Berger
Erschienen in der QUAX.at Printausgabe 3/2012 vom 16. Juni 2012.

Veröffentlicht am: 14.06.2012 QUAX.at

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